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Was nicht passt, wird passend gemacht – oder: die Evolution meines Kleiderschranks.

Threadcount Dress 1501 | milchmädchen.

Ich bin ein bisschen erschrocken, als ich das alles mal aufgeschrieben habe. Rund 50 Kleidungsstücke sind in den vergangenen fünf Jahren für mich entstanden, wenn man Genähtes und Gestricktes zusammennimmt. Das sind mindestens zehn im Jahr! Mir kommt das extrem viel vor (auch, wenn es natürlich nichts ist im Vergleich zu den 60 Kleidungsstücken, die der/die Durchschnittsdeutsche pro Jahr anschafft). Denn längst nicht alles davon ist noch in Gebrauch – oder war es je „richtig“. Manches entpuppte sich gleich nach der Fertigstellung als untauglich, anderes habe ich reuig zwei, drei Mal getragen, bevor ich es ausmusterte. Dabei hatte mich eigentlich ob dieser Selbermacherei für so genügsam und „bewusst“ gehalten ?.

Wobei das auch nicht ganz falsch ist. Mein Umgang mit Kleidung ist inzwischen ein definitiv anderer. Mit vielem, was in den Geschäften hängt, kann ich nichts mehr anfangen. Meist ist es das Material, das mir nicht taugt, oft auch die Verarbeitung – von stilistischen Fragen ganz zu schweigen. Wenn man eben einmal erfahren hat, dass man ALLES selbst bestimmen kann, wird die Sache mit den Kompromissen schwer.

Gathered Sundress | milchmädchen.

Und das ist teilweise auch der Punkt bei Selbstgemachtem: Man wird (über-)kritisch. Das, was sich man da erarbeitet hat, soll einem idealiter wirklich passen – sowohl physisch als auch psychisch. Anushka hat neulich gut erklärt, worauf es ankommt.

Und so wenig man die Sachen schnell in der Umkleide anprobieren kann, so wenig kann man sie hängen lassen, wenn sie sich als zu groß/zu klein/zu weit/zu eng/zu whatever entpuppen. (Ich weiß, dass es Alternativen gibt: Schnelles Heften zwecks Passprobe, „echte“ Probeteile. Aber bei Gestricktem beispielsweise geht das nicht. Und wir alle wissen, dass keine noch so elaborierte Maschenprobe das Tragegefühl antizipiert.)

Vieles davon kann und darf man sicherlich unter „Lehrgeld“ verbuchen – manches findet man halt nur durch Ausprobieren raus. So wie ein Instrument viele (Musiklehrer-)Stunden kostet, kostet auch ein Handwerk Material – gerade am Anfang. Aber die Frage wie man mit den Überbleibseln verfährt, sollte man sich trotzdem unbedingt stellen.

Threadcount Dress 1501 | milchmädchen.

Inzwischen landet Ausgemustertes bei mir wieder im Materialfundus und wird up- oder recycled – wenn ich es nicht an geneigtere Geister weitergeben konnte. Aber zu Beginn habe ich vieles einfach in den Wäschesack gestopft. Und das muss man sich buchstäblich leisten können.

Wenn ich die Liste so durchgehe, sind es vor allem drei Dinge, die problematisch waren – und von denen man hoffen kann, dass sie mit zunehmender Erfahrung weniger werden:

  • suboptimale Materialwahl
  • falsche Größe bzw. fehlende oder (mir) unmögliche Anpassungen
  • Verarbeitungsfehler

Klassiker also. Exemplarisch lassen die sich gut anhand der Teile nachvollziehen, die ich hier im Blog bereits präsentiert bzw. zumindest erwähnt habe:

Suboptimale Materialwahl: Threadcount Dress 1501 & Gathered Sundresses

Das hellblaue Threadcount-Kleid (s. Aufmacherbild) war mein erstes Kleid überhaupt. Ich habe beim Nähen aus heutiger Sicht ungefähr alles falsch gemacht – und darum richtig viel gelernt. Trotz seines gruseligen Inneren liebe ich es abgöttisch – auch, weil es nach wie vor so großartig sitzt.

Klar, dass ich davon mehr wollte! Den kleinteilig geblümten Stoff hielt ich für eine adäquate Wahl – bis das Kleid fertig war und sich getragen anfühlte wie ein überdimensionierter QR-Code. So unruhig! Der Versuch, das Gewiggel mit einem auf Taillenhöhe installierten blauen Streifen abzumildern, gelang nicht wirklich, sodass das Ganze im Schrank verschwand und wirklich nur dann hervorgeholt wurde, wenn alles andere in der Wäsche war. Nach dem letzten Kleiderschrank-Konmari lag es folgerichtig auf dem Sparkt-kein-bisschen-Joy-mehr-Stapel und dann lange im Stoffefundus. Erst hatte ich überlegt, das Oberteil abzutrennen und einen Rock draus zu machen, allerdings waren die Probetrageversuche eher so mittelversprechend. Bis mich vor dem Textilfarbenregal in der Drogerie die Muse küsste: Nachtblau überfärbt ist alle Unruhe dahin! Ich musste nur den weißen Zwirn der Saumnaht gegen einen dunkleren ersetzen. Gerade überlege ich zwar, ob das Ganze nicht noch besser in meinen Tabula-Rasa-Quilt passt, aber we’ll see.

Das mit der suboptimalen Materialwahl gilt übrigens auch für zwei der drei Gathered Sundresses, die es hier gab: Übrig geblieben in ist nur das erste mit den rot-weißen Streifen. Die Stoffe von Sundress II und III entpuppten sich leider als deutlich zu dünn. Bei III störte mich vor allem die latente Transparenz des gelben Rockes, und Stoff II (= Organic Lean Stripe von Merchant ans Mills) war an sich viel zu leicht und viel zu schnell verwaschen. Beides nichts, gegen das Farbe geholfen hätte, leider. Sundress III ist jetzt ebenfalls Patchworkmaterial.

Falsche Größe: Retroblüschen

Wir erinnern uns an das süße kleine Blüschen? Nun: Das hat jetzt eine große Schwester, die innen nicht nur viel schöner verarbeitet ist, sondern auch wesentlich besser sitzt. Merke: Bei Burda brauche ich obenrum 40.

Nur bei der Tunika nach Elle Puls hätte weniger gereicht. Die ist darum inzwischen zusammen mit einer Leggins ein sehr geschätztes Nachthemd. Und à propos Nachtwäsche: Der Flughörnchenanzug besteht mittlerweile aus zwei Teilen. Das und die darum nötige Erweiterung macht ihn nicht nur optisch wesentlich stimmiger, sondern so! viel! bequemer!

Burda Overall 04/2020 #110 deconstructed | milchmädchen.

Verarbeitungsfehler

Die Evolution meiner Fähigkeiten lassen sich übrigens hervorragend am Innern der unten aufgereihten Kleider nachvollziehen. Beim Stricken allerdings habe ich mir solche Schnitzer mitunter auch außen geleistet. Paradebeispiel ist die Wiolakofta: Die Anleitung nur schwarz-weiß ausgedruckt und dabei den fetten Strich übersehen, der den Musterrapport markiert. Keine Maschenprobe im Muster gemacht und erst hinterher festgestellt, dass sich glatt rechts und Colourwork nicht gleich elastisch verhalten. Nicht gewusst, wie man richtig blockt. Und überhaupt die Farben: So krass neben meiner sonstigen Palette! Komisch, dass das Ding auch sonst keiner haben wollte ?.
Beim Nachfolgeprojekt, der Ingridkofta, waren es unkoordinierte Größenswitches in der Passe und Ignorieren von Anweisungen wie „für die Knopfleiste nicht auf Höhe jeder Reihe Maschen aufnehmen“, die mir die Tragelust verlitten. Immerhin: Die Schwägerin liebt sie.

Gathered Sundress | milchmädchen.

Zum Weiterlesen & -schauen

Kleider | milchmädchen.

Hallo, Me Made Mittwoch!

CategoriesAllgemein
  1. Der Tag “Tapferes Schneiderlein” passt, weil ich finde, Umarbeiten kostet viel Disziplin! Allerdings ist die umgearbeitete Klamotte hernach besonders individuell. Sind 10 Kleidungsstücke im Jahr viel?!? Kommt für mich darauf an, was? 10 extravagante Sommerkleider wären mir persönlich zu viel (ich wüsste nicht, wann und wo ich sie tragen sollte…), aber wenn Du alles selber nähst und sogar noch strickst. Durchschnittlich 10 Kleidungsstücke inklusive Shirts, Wäsche und Socken fände ich jetzt nicht soo dramatisch…. schließlich verschleißt auch die DIY-Klamotte. Ein lesenswerter Post. Danke für die Inspiration & die weiterführenden Links. Herzliche Grüße Manuela

    1. Liebe Manuela, Du hast recht, es ist wohl wirklich eine “Gefühlssache” und individuell. Ich bin halt ein bisschen erschrocken, als ich das (fast) alles mal aufgelistet habe und markiert, was wesentlich im Gebrauch war/ist. Da ist schon einiges zusammengekommen, was maximal unter “Übungsstück” verbucht werden kann. Aber vermutlich ist allein der Anspruch vermessen, sofort und ausschließlich perfekte Lieblingsstücke produzieren zu wollen, so ganz ohne Ahnung oder Erfahrung. Und: Ich nähe nicht alles selbst. Meine Garderobe ist ein Mix aus DIY, Secondhand und zugekauften Basics, weil ich gerade T-Shirts oder Unterwäsche bislang eher ermüdend fand.
      Herzlich: Charlotte

  2. Tüt says:

    Sehr schöne Gedankensammlung, dein Beitrag.
    Ich habe eine ähnliche Geschichte hinter mir, ich finde einfach, es dauert ein paar Jahre des Selbermachens bis man ein Händchen für Schnitte und Materialien hat. Bis ich gelernt habe, dass ich zwar viele Muster wunderschön finde, aber an mir nicht ertrage, hat es zum Beispiel einige Zeit gebraucht, ebenso mit Farben. Und auch der Geschmack für Silhouetten ändert sich einfach doch immer wieder. Ich finde 10 Teile im Jahr auch nicht wirklich viel, es liegt halt dran, was es ist und auch, was man vom Kleiderschrank möchte. Ich muss zum Beispiel dringend einen Schwung T-Shirts nähen, bestimmt 3-4, weil da einfach kaum noch was vorhanden ist. Gerade Aussortieren habe ich echt viel gelernt in letzter Zeit, wie du schon sagst, was kein Joy sparkt kann raus. Ich habe auch gute Erfahrungen mit weiterverkaufen bzw. verschenken gemacht, parallel zu Anpassungen und Änderungen wie du sie beschreibst. Und, wie du auch sagst: Das Bewusstsein hat sich extrem verändert. Ich bin wirklich bemüht, mir Kleidung herzustellen, die mich mindestens 10 Jahre begleitet, bis sie kaputt geht oder aber weitergegeben wird.
    Liebe Grüße und fröhliches Schaffen, Julia

    1. Word, Julia! Gerade die Muster- und Farbenfrage braucht ihre Zeit ?. Aber ich find’s halt krass, dass Selbermachen ein so genügsames und nachhaltiges Image hat, dann aber doch einiges an Material “kostet”. Verkauft habe ich erst eine Sache; aber meistens bin ich dafür auch zu ungeduldig ?. Die meisten Konmari-Opfer habe ich im Freundes- und Verwandtenkreis verteilt oder gespendet. Aber schön, mit Gleichgesinnten wie Euch unterwegs zu sein!
      Sehr herzlich: Charlotte

  3. Sarah says:

    Wahnsinnig spannend dieser Beitrag! Also ich kaufe eigentlich nichts mehr, aber auf 10 Kleidungsstücke im Jahr könnte ich mich NIE reduzieren. Ich schaffe es auch nicht Nicht nach dem Lustprinziep zu nähen. Dafür ist es einfach Hobby und Leidenschaft. Nicht jedes Kleidungsstück kommt bei mir regelmäßig aus dem Schrank. Kleider passen meist nicht in meinen Alltag, aber ich nähe und trage sie so gerne… Was ich genäht habe aber nicht tragen mag, kann ich irgendwie nicht wegtun. Ich habe schon mehrere Kartons mit “Näharchiv” drauf stehen. Die Disziplin zum Ändern oder upcyceln konnte ich bisher kaum aufbringen. Aber ich bin gespannt, was ich sage, wenn ich in ein paar Jahren die Kartons wieder öffne… LG Sarah

    1. Liebe Sarah, nur, dass wir uns nicht missverstehen: Mein Kleiderschrank zählt wesentlich mehr als zehn Teile. Aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass tatsächlich fast jeden Monat ein neues hätte dazukommen können, hätte alles so funktioniert wie gedacht. “Näharchiv” ist aber ein schöner Begriff; merke ich mir! Herzlich: Charlotte

  4. Sarah says:

    Sehr interessant! Ich hab so viele schöne Teile in meinem Kleiderschrank, dass ich eigentlich echt nichts Neues brauche. Ich hab mir fest vorgenommen, nur noch ganz ausgewählt einzukaufen. Und wenn ich deine schönen, individuellen Kleider sehe (das blaue ist so hübsch, man sieht echt nicht, dass da beim Nähen was nicht optimal gelaufen ist), dann bekomme ich so Lust, zu nähen. Vielleicht setze ich mich im Herbst / Winter wirklich mal mit dem Thema auseinander …
    Gruss,
    Sarah

    1. Liebe Sarah, ich rate unbedingt dazu. Der Hashtag #nähenistwiezaubernkönnen kommt wirklich nicht von ungefähr. Und wie geschrieben: Was man en passant alles über Schnittkonstruktion, Verarbeitung, Materialien lernt: unbezahlbar! Ich habe am Anfang einen Volkshochschulkurs gemacht, um die Grundlagen wieder etwas aufzufrischen. Das war zwar mehr ein betreuter Nähtreff, aber ich fand’s angenehm, jemanden zum Nachfragen zu haben.
      Herzlich: Charlotte

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